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Ich bin nicht Charlie und du kannst mich mal

Freitag 10. Januar 2014

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Die Pariser erwachten heute morgen, und durch sie die ganze Welt, mit einem makaberen Pulvergeruch in der Nase. Einige religiöse Fanatiker, es sind nicht die ersten, es werden nicht die letzten sein, eröffneten während der wöchentlichen Sitzung der Satirezeitschrift Charlie Hebdo das Feuer. Ein Dutzend Toter und einige Verletzte, wovon die Mehrheit allseits bekannte und an die Massenmedien gewöhnte Journalisten und Karikaturisten sind, sowie zwei Bullen, die im Gegensatz zu den anderen ihren Lohn dafür erhielten, beschossen zu werden. Ausser vielleicht unter einigen alten Kriegswölfen war die erste Reaktion auf dieses Ereignis Empathie gegenüber dem Schrecken dieses Angriffs. Tatsächlich kann dieses Attentat, welches das tödlichste seit jenem faschistischen gegen den Zug Strassburg-Paris am 18. Juni 1961 während des Algerienkrieges war, nur Entsetzen auslösen in Anbetracht der Bestimmtheit und der Flucht nach vorne der Angreifer. Entsetzen auch in Anbetracht der religiösen Niedertracht, welche mehr als je zuvor einen grossen Teil der Menschheit davon abhält, sich wirklich über die Welt um sie herum Gedanken zu machen. Dazu kommt für uns Anarchisten und Revolutionäre das Entsetzen über die immerwährende nationale Einheit. Jene nationale Einheit, die man uns immer dann wieder serviert, wenn die Staaten proletarisches Kanonenfutter brauchen. Denn es sind immer die gleichen, von welchen man verlangt, sich auf den Wegen zum Ruhm zu opfern für Interessen, welche nicht ihre eigenen sind, wie die Nation, der „Friede“ oder die Republik, während die Entscheidungsträger sich unter den Goldverzierungen ihrer Paläste am Rücken kratzen.


Das gleiche Spiel spielte man schon 1914 mit uns, indem man uns zur Einheit gegen die „boches“ [abwertende Bezeichnung für Deutsche] ermahnte, oder vor einigen Jahren während der „Affäre Merah“, und es ist auch heute wieder das gleiche. Chefs und Arbeiter, Gefangene und Aufseher, Bullen und „Straftäter“, Reiche und Arme, alle Hand in Hand vereint für die nationale Trauer. Heute gibt es keine Klassen mehr, keine Schranken zwischen den Leuten, und auch keine Barrikaden, obwohl Hunderttausende auf den Strassen von ganz Frankreich (und sogar woanders) marschieren. Doch wem nützt das eigentlich? Sicher nicht den Unerwünschten, welche die Strassen von Paris und der Welt bewohnen. Plötzlich vergiessen der Staatsterrorismus, der republikanische und demokratische Terrorismus, die Terroristen des Geldes ihre Krokodilstränen und tun so, als ob sie die Guten wären, da die Jihadisten ihnen die Gelegenheit auf einem Silbertablett servieren, welches die Proportionen des Universums annimmt, bis zu einem Punkt, wo heute nur noch der Marschall zuoberst im Organigramm fehlt. Doch heute geht es nicht mehr darum, Elsass-Lothringen zurückzugewinnen, es geht darum, „die Werte der Laizität und der Meinungsäusserungsfreiheit zu verteidigen“. Alles in allem nur Scheisse für uns, wir, die wir alle Religionen zerstören wollen und die Meinungsäusserungsfreiheit all jenen verweigern, welche eine Krawatte, einen Priesterrock oder jegliche andere Uniform oder Adelstitel tragen.

Jeder drückt auf seine Tränendrüse, jede Partei, jede Organisation, von allen vorstellbaren und möglichen Strömungen, Libertäre eingeschlossen [1], spuckt uns den vorgekauten Diskurs der „Barbaren“ aus, welche das „Zusammenleben“ angreifen.

Doch was ist eigentlich ein Barbar?

Verweilen wir einen Moment beim Begriff. Vom griechischen bárbaros („Fremder“) kommend, wurde das Wort von den alten Griechen für jene Bevölkerungen benutzt, welche nicht Teil ihrer durch die griechische Sprache und Religion definierten Zivilisation waren. Der Barbar ist also der Andere, jener, welcher nicht die gleiche Suppe teilt, oder eben jener, der nicht am gleichen Tisch isst. Montaigne sagte: „Wir nennen Barbarei, was nicht mit den heimischen Verhältnissen übereinstimmt.“ Wie wir es schon woanders gesagt hatten, kennen wir keine Barbaren, wir kennen nur Individuen, welche innerhalb dieser morbiden Zivilisation überleben. Wir kennen kein ausserhalb, wir kennen Ausgeschlossene, ja, doch sie könnten nicht mehr innerhalb sein, als sie es schon sind.

Die heutigen „Barbaren“ sind weit davon entfernt, ausserhalb der Zivilisation zu stehen, obwohl es für die Verfechter dieser These beruhigend sein mag, dies zu glauben. Genau wie die berühmte „Gang der Barbaren“ damals sind sie reine Produkte der Zivilisation. Sie kennen deren Codes, benutzen deren Werkzeuge und sind nicht so weit von jenen entfernt, welche sie heuchlerisch anprangern. Denn es macht grundsätzlich nur einen geringen Unterschied, ob die Mörder grüne oder schwarze Uniformen tragen, ob sie „es lebe die Demokratie“ oder „Allahu akbar“ schreien, ob sie eine dreifarbige oder jihadistische Fahne tragen, ob sie von der öffentlichen Meinung gebilligt werden oder nicht, ob ihre Massaker legal oder illegal sind, ob sie uns massakrieren, um uns die Aufklärung oder die Dunkelheit zu bringen. Indem sie ihre makaberen Übergriffe begehen, begeben sie sich alle auf das gleiche Niveau, von jenem Moment an, wo sie dem Individuum verweigern, sich zu verwirklichen, wie es will.

Der Terrorismus ist keine barbarische Praxis, sondern eine höchst zivilisierte, ist die Demokratie nicht ein Kind des Terrors? Deshalb muss der Terror genauso bekämpft werden wie die Zivilisation, welche ihn hervorbringt und braucht, von den „septembriseurs“ 1792 bis zu den zerstörerischen Gefängnisstrafen oder Daesh heute. Wer sind sie, diese Schweine mit Krawatte, welche ihre Armeen zum Angriff auf die Bevölkerungen von Zentralafrika, Afghanistan oder woanders losschicken, und die uns heute Lektionen des Pazifismus erteilen, wenn in Paris zwölf Personen ermordet werden? Es sind genau die gleichen, wie jene, welche im Moment im Fernsehen erscheinen, um einige billige Tränen zu vergiessen, um einige elende Punkte in ihren genauso elenden Meinungsumfragen zu gewinnen oder nicht zu verlieren.

Wir sind heute genauso wenig Charlie wie gestern und der Tod verwandelt unsere Gegner oder Feinde von gestern nicht in Freunde von heute, wir überlassen dieses Verhältnis zur Welt den Hyänen und den Geiern. Es ist nicht eine unserer Gewohnheiten, vor den Gräbern der (sogar vage alternativen oder libertären) Journalisten und der Bullen zu weinen, denn wir haben die Medien und die Polizei schon lange als wesentliche Waffen dieses Zivilisationsterrorismus erkannt, basierend auf der Konsensfabrik einerseits, der Repression und Einsperrung andererseits. Deshalb weigern wir uns, Wölfe mit anderen Wölfen zu beweinen, oder sogar mit Schafen.

Jene Räuber, welche uns heute ermahnen, herzhaft mit ihnen zu weinen, zu deklarieren „Ich bin Charlie“, diese gleichen Räuber in Anzügen sind verantwortlich für das Aufkommen von schrecklichen Gruppen und Bewegungen wie Al-Qaida oder Daesh, ehemalige Verbündete der westlichen Demokratien gegen die vorhergehenden Gefahren, bevor sie einen zentralen Platz auf dem Podium der geostrategischen Gefahren von heute einnahmen. Diese gleichen Drecksäcke, welche jeden Tag in ihren Gerichten, ihren Kommissariaten, ihren Gefängnissen jene ermorden, einsperren, verstümmeln und in Beschlag nehmen, welche nicht den klar aufgezeichneten Weg verfolgen, welchen man uns durch Knüppelschläge und Bildung auferlegt. Diese gleichen zivilisierten Wesen, welche jeden Tag jene an ihren Grenzen krepieren lassen, welche versuchen, dem durch sie oder ihren Feinden des Tages, Salafisten und Konsorten, ausgelösten Elend und den Kriegen zu entfliehen.

Wir haben überhaupt keine Lust, dass genau diese Drecksäcke uns weiterhin zivilisieren und beseitigen, und noch weniger, mit ihnen Schulter an Schulter zu stehen. Denn wir wollen gegen sie Schulter an Schulter stehen, gegen sie und gegen all jene, welche uns unter diversen religiösen, politischen, kommunitaristischen, interklassistischen, zivilisierenden und nationalistischen Vorwänden nur als zu platzierende Bauern betrachten, zur Aufopferung auf einem ekelhaften und absurden Schachbrett. Es ist angebracht, heute wie morgen, sich an diese Worte von Rudolf Rocker zu erinnern, als er sagte, dass „nationale Staaten politische Kirchengebilde [sind]. Das sogenannte Nationalbewußtsein, das dem Menschen nicht angeboren, sondern anerzogen wird, ist eine religiöse Vorstellung; man ist Deutscher, Franzose oder Italiener, wie man Katholik, Protestant oder Jude ist.“

Es geht jedoch nicht darum, die Gefahr zu minimieren, welche diese Verrückten von Allah, diese Liebhaber der Selbst-Unterwerfung und des moralischen Masochismus repräsentieren. Und obwohl wir heutzutage von ihrer Fähigkeit komplett überfordert sind, überall zu rekrutieren, um sich hier und da in die Luft zu jagen, werden wir uns diesbezüglich Fragen stellen müssen, um aus dem Unverständnis herauszukommen. Dabei sollten wir uns allerdings nicht den Sirenen jener ergeben, welche uns nur noch ein bisschen mehr spalten möchten, indem sie aufgrund eines verschwindend kleinen Teils der Muslime die Stigmatisierung auf eine ganze Bevölkerung ausdehnen möchten, um den angeblichen „Kampf der Kulturen“ zu erreichen, von dem sie so sehr träumen, was eigentlich Bürgerkrieg bedeutet, dessen Konsequenzen für uns alle sie sich wohl nicht bewusst sind.

Und was soll man von diesem Angehörigen des Reinigungspersonals sagen, der von Kugeln zerfetzt, kaltblütig exekutiert wurde, ohne dass er irgendwas verlangt hätte? Wer kümmert sich darum? Er hatte wahrscheinlich kein Twitterkonto, kein Eintrittsticket zum modernen Spektakel, keinen Namen, kein Gesicht, keinen Freund, der im Fernsehen weinen gehen kann. Er war nicht Charlie. Er war nur ein Kollateralschaden einiger Gottesverrückter mit einem erleuchteten Abzug, genau wie so viele im Moment, genau wie die Millionen von Kollateralopfern der Staaten auf der ganzen Welt. Unsere Gedanken sind heute Abend bei ihm.

Etwas ist sicher, es gibt nichts zu wählen zwischen der Pest und der Cholera, zwischen irgendeinem Gott mit seinen schlachtenden, kreuzigenden oder massakrierenden Propheten oder irgendeinem Scheissstaat mit seinen mordenden Bullen und Soldaten. Wir verweigern immer noch die Aufforderung, zwischen verschiedenen Formen der Sklaverei und der Unterwerfung zu wählen. Unsere Wahl kann nur von uns selbst kommen, es ist jene der Freiheit.

In dieser hoffnungslosen Epoche, gegenüber der vermeintlichen „nationalen Einheit“, dem Bürgerkrieg, dem Jihad der Fanatiker und den „sauberen Kriegen“ der Staaten, müssen wir den sozialen Krieg wieder in den Vordergrund stellen, und zwar bis es brennt.

Einige AnarchistInnen,
am 7. Januar 2015.

[Übersetzt aus dem Französischen von Kommunisierung]

Anmerkungen

[1Kleines Ratespiel, sind diese Aussagen aus dem Communiqué der Gruppe J.B. Botul der anarchistischen Föderation oder aus der Rede von François Hollande? „Unsere Genossen von Charlie Hebdo haben ein schweres Tribut für die Meinungsäusserungsfreiheit gezahlt. Mehrere Polizisten sind auch unter den Opfern. Wir erweisen all diesen Opfern die letzte Ehre. […] die Anarchisten respektieren die Glaubensfreiheit im Rahmen einer laizistischen Republik.“