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« O gentilshommes, la vie est courte, si nous vivons, nous vivons pour marcher sur la tête des rois. »

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Brief von Ivan und Bruno

Montag 28. Juli 2008

Alle Fassungen dieses Artikels: [Deutsch] [English] [français] [italiano]

Wir schreiben heute an alle Freunde, an alle, die sich nicht
von den Verhältnissen unterkriegen lassen: Polizeisperren
in den Straßen, Razzien gegen Menschen ohne Papiere,
Abschiebungen, alltägliche Schwierigkeiten und die
Fremdbestimmtheit des Lebens; der Zwang, einen immer
größeren Teil unseres Lebens allen möglichen Chefs zu
überlassen, denen, die über uns entscheiden und Macht
ausüben. Unser Widerstand setzt dort an: es geht um die
Freiheit zu leben.

Wir wurden am 19.Januar festgenommen. Wir beide
befinden uns seitdem in Untersuchungshaft, der dritte von
uns ist unter richterlicher Aufsicht. (Er machte sich des
Umstandes schuldig, im Moment unserer Festnahme
zufällig vorbeizukommen und uns zu kennen.). Wir hatten
Rauchpulver dabei, das wir aus einer Mischung von
Natronchlorat, Zucker und Mehl hergestellt hatten. Einmal
angezündet, qualmt diese Mischung stark. Wir hatten vor,
sie während der Demonstration einzusetzen, die an diesem
Tag wieder zum Abschiebegefängnis in Vincennes
führen sollte. Unser Vorhaben: für die eingesperrten Sans-
Papiers sichtbar zu sein, und dies trotz der Polizei, die uns
sicherlich in Entfernung des Knastes halten würde. Wir
hatten auch Knallkörper und verbogene Nägel dabei, die
auf der Straße ausgelegt werden können, um Autos am
Wegfahren zu hindern.

Für die Polizei und die Justiz stellt das ein gefundenes
Fressen dar: es muss sich um die Bauelemente einer
Nagelbombe handeln. So lauten unsere Anklagen folgenderma
ßen:

# Besitz und Transport von brandstiftenden oder explosiven
Substanzen und Produkten zur Herstellung eines
brandstiftenden oder explosiven Gegenstandes, um eineZerstörung, eine Sachbeschädigung oder eine
Gefährdung von Menschleben hervorzurufen

# Gründung einer kriminellen Vereinigung, mit dem Ziel,
eine Zerstörung durch Brandstiftung, explosive
Substanzen oder andere Mittel durchzuführen, die eine
Gefahr für Menschenleben darstellen

# Verweigerung der polizeidienstlichen Erkennungsmaß-
nahmen (Fingerabdrücke, Fotos)

# Verweigerung der Abgabe einer DNA-Probe
Es läuft einem kalt den Rücken runter. Soweit zu den
Anklagen, wir werden uns nun an einer Analyse der
Ereignisse versuchen.

Die Art, in der wir behandelt werden, kann nicht mit den
Dingen erklärt werden, die wir dabei oder geplant hatten.
Dem Staat geht es vielmehr darum, Widerstand zu kriminalisieren
und Dissidenz zu unterdrücken. Es geht um
unsere Ideen und unsere Art zu kämpfen: außerhalb der
Parteien, Gewerkschaften und anderen Organisationen.
Weil sich diese Wut nicht kontrollieren oder vereinnahmen
lässt, versucht der Staat, sie zu isolieren und einen
„€žFeind im Inneren“€œ auszumachen. Polizei und
Verfassungsschutz legen Dateien mit ’Täterprofilen’ an. In
unserem Fall ist es das der „€žAnarcho-Autonomen“€œ.
Von dort zieht der Staat eine direkte Verbindungslinie zum
Terrorismus und schafft so ein Bedrohungsszenario, um
einen gesellschaftlichen Konsens zur Verstärkung der
Kontrolle und Legitimation der Repression zu schaffen.

Deshalb sind wir heute im Gefängnis. Dies ist der
Umgang, den sich der Staat bei jeglichen illegalen
Handlungen und mit sogenannten ’Risikobevölkerungen’
vorbehält. Es geht darum, immer mehr Menschen immer
länger wegzusperren. Immer effizientere Kontrollen und
Sanktionen, die Angst machen, sorgen im Interesse derer,
denen die herrschende Ordnung nutzt, dafür, dass alle an
ihren Plätzen bleiben, wissend, dass es nicht möglich ist,
die vorgesehenen Wege zu verlassen ohne den hohen
Preis zu bezahlen. Wir kämpfen mit den Menschen ohne
Papiere, weil wir wissen, dass es die gleiche Polizei ist,
die kontrolliert, der gleiche Chef, der ausbeutet und die
gleichen Mauern, die einsperren. Wir waren auf dem Weg
zur Demonstration, um mit den Gefangenen zusammen
’Freiheit’ zu rufen, um zu zeigen, dass wir viele sind, die
ihre monatelange Revolte im Gefängnis wahrnehmen.
Eine Rauchbombe anzuzünden, so nah wie möglich an
die Gitter des Gefängnis zu kommen, ’Abschiebeknäste
zu Baulücken’ zu rufen, mit der Überzeugung, frei leben
zu wollen. Der gemeinsame Kampf schafft einen Raum
um Solidaritäten zu knüpfen und unserer Revolte
Ausdruck zu verleihen.

Wir verstehen uns nicht als ’Opfer der Repression’. Es gibt
keine gerechte Repression, keinen gerechten Knast. Es
gibt die Repression und ihre Funktion, ihre Rolle der
Aufrechterhaltung der Ordnung: die Macht der
Besitzenden über die Besitzlosen.

Wenn alle in der Reihe laufen, ist es einfach, die zu
bestrafen, die ausscheren.

Wir hoffen, dass wir viele sind, unsere Leben in die Hand
zu nehmen und diese Wut im Herzen zu tragen, um die
Solidarität aufzubauen, aus der der Widerstand ist.

Bruno und Ivan aus den Gefängnissen von Fresnes und
Villepinte, April 2008.