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« O gentilshommes, la vie est courte, si nous vivons, nous vivons pour marcher sur la tête des rois. »

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Weder Vergessen noch Zeremonie: Gegen den Totenkult

Donnerstag 21. Juni 2012

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„Mir schiene es, für meinen Teil, zufriedenstellender,
da es sich um Menschen handelt, die sich durch Taten ausgezeichnet haben,
wenn man sie auch nur mit Taten ehren würde“

‪Thukydides‬, Geschichte des Peloponnesischen Krieges, 411 v. Chr.

Es ist gefährlich, dem Staat und dieser Welt den Krieg zu erklären, denn sie wissen nur zwei Dinge zu tun: fortschreiten und alles bekämpfen, was ihren Fortschritt zerstören, schwächen oder hindern könnte. Als Anarchisten, und damit meinen wir Revolutionäre, sind wir uns über unsere Entscheidungen und über die Verantwortungen, die sich daraus ableiten, bewusst. Wenn wir Revolutionäre sagen, sprechen wir nicht von irgendeinem Glauben an eine perfekte und sorgenlose Welt, und auch nicht vom trügerischen Glauben an die Möglichkeit, zu unseren Lebzeiten oder nicht, irgendeine totale anti-antiautoritäre Revolution aufkommen zu sehen, wie wir sie in unseren Masturbationshöhenflügen erträumen mögen. Wir sprechen von einer permanenten Spannung zur Vertiefung eines Prozesses des Bruchs mit der Macht und ihren Institutionen, durch die radikale Kritik und die Zerstörung.

Am 22. Mai 2009 ist Mauricio Morales, ein geachteter Kamerade aus Santiago de Chile in diesem sozialen Krieg, zu dem wir beizutragen versuchen, im Kampf gefallen, er, wie viele andere Anarchisten überall auf der Welt, mit unseren eigenen Mitteln und unserer eigener Ethik, unserer eigenen Intensität und unseren eigenen Verlangen. Die Explosion der selbstgefertigten Bombe, die er auf seinem Rücken trug, verursachte seinen brutalen Tod, sie war für die Polizeischule bestimmt, die sich nicht weit von ihm befand. Wie fern wir in diesem Moment auch waren, im Herzen dieses alten Europas, so hat uns die Nachricht von seinem Tod erschüttert für das, was sie war: der Tod eines Bruders. Wir kannten Mauricio nicht persönlich, aber war denn das wichtig? Wir haben uns in ihm wiedererkannt, wie wir uns jeden Tag in allen Angriffen gegen die Herrschaft wiedererkennen, und dies hat uns genügt. Wie viele andere haben wir zum Gedenken die Nacht entflammt. Denn dies ist die einzige Gedenkform, die uns entspricht, um die Erinnerung des Kameraden zu würdigen: den Kampf in der Solidarität weiterführen, ja, aber viel mehr noch: die Kritik in Taten gegen diese Welt propagieren, und ihre Verbreitung ermutigen.

Tatsächlich ist das erste Ziel unserer Angriffe gegen das Bestehende nicht, die Erinnerung der gefallenen Kameraden zu ehren, diesem oder jenem gefangenen Kameraden eine Widmung zu schicken, und auch nicht, in einem frontalen Nahkampf mit der Macht Dialog zu führen. Der Angriff ist für uns eine Notwendigkeit, weil die Worte einen Sinn haben und unsere Ideen nicht nur Konzepte sind. Und wir halten dieses Bedürfnis, sich zuzuzwinkern oder sich ständig auf sich selbst zu beziehen, für völlig zweitrangig, ja sogar für völlig unnötig. Die Empfänger des Zuzwinkerns brauchen nicht genannt zu werden, wenn sie sich in dem wiedererkennen, was die Tat ausdrückt. Und einen Angriff einem Kameraden darzubieten, heisst für andere die Möglichkeit zu entfernen, sich ihn anzueignen, und uns selbst von unendlichen Möglichkeiten der Wiederaneignung und der Reproduzierbarkeit, und auch der Anonymität zu trennen, die für uns die anarchistische Intervention in ihrer ganzen Bescheidenheit charakterisiert. Um zu präzisieren, was wir Bescheidenheit nennen: Wir meinen damit, dass sich unsere Angriffe als bescheidene Beiträge, und nicht als heldenhafte Taten, in den sozialen Krieg einschreiben, der seit jeher im Gange ist, denn wie wir immer sagen, es ist einfach, anzugreifen, und egal welcher Wütende kann es tun. Dies ist, wieso unsere im Kampf gefallenen Kameraden keine Helden sind.

Unsere Angriffe sind alltäglich, sie erwarten und brauchen keinen Aufruf zur Solidarität. Hierin besteht unsere einzige Form des Gedenkens: in der permanenten Konflikthaltung. Denn die anderen Formen des Gedenkens sind keine Abhilfe für unsere aufständischen Herzen, denn zu weinen hat noch nie eine Mauer zum Einsturz gebracht. Seien sie von der göttlichen oder weltlichen Religion, die Apostel dieser Welt bieten keine Lösung für unsere Unglücklichkeiten. Die Totenwachen, die Zeremonien, die Lobreden, die Umzüge, die Jahrestage, die schönen Reden und die falsche Lyrik überlassen wir gerne ihnen, und wir bahnen weiter unseren Weg. Wir interessieren uns nicht für den Ruhm und die Ehre, sondern für die Würde, die Liebe und den Hass. Dies sind die drei Geschwister, mit denen wir jeden Tag umhergehen. Wir hätten es bevorzugt, nicht das Bedürfnis zu spüren, diese paar Zeilen zu schreiben, doch wir haben Angst, zu sehen, wie sich Werte von religiösem und militärischem Ursprung, die nicht die unsrigen sind, mit unseren vermischen.

„Der Totenkult ist nur eine Verschmähung des wahren Schmerzes. Die Tatsache, ein Gärtchen zu unterhalten, sich in schwarz zu kleiden, einen Trauerschleier zu tragen, beweist nicht die Ehrlichkeit der Betrübnis. Diese letztere muss ausserdem verschwinden, die Individuen müssen reagieren gegenüber der Unwiderruflichkeit und der Fatalität des Todes. Man muss gegen das Leiden kämpfen, anstatt es zur Schau zu tragen, es in groteskten Kavalkaden und lügnerischen Beileidsworten spazierenzuführen […]. Wir müssen die Pyramiden, die Grabhügel, die Grabmäler niederreissen; wir müssen den Pflug durch den umzäunten Boden der Friedhöfe ziehen, um die Menschheit von dem, was Respekt vor den Toten genannte wird, von dem Totenkult zu entledigen.“
Albert Libertad in L’anarchie, 31. Oktober 1907.

Es gibt keinen Ruhm in der Tatsache, im Kampf zu sterben. Die Macht hält für unsere Entscheidungen als Kämpfende morbide Konsequenzen bereit, ob es sich um den Bunker, die Folter oder den Tod handelt. All diese schlechten Nachrichten sind Teil des Vertrags, den wir, in der Entscheidung für den Krieg gegen das Bestehende, mit uns selbst geschlossen haben. Wir wissen, worauf wir uns gefasst machen können, vom Schönsten bis zum Tragischsten, und wir sind bereit dafür, was auch immer der Ausgang sein mag. Dieses Mal war er fatal, aber das macht aus Mauricio nicht einen engagierteren oder wertvolleren Kameraden als egal welche/r andere Kämpfende. In dieser Nacht damals, hat er Risiken auf sich genommen, wie es viele andere jede Nacht tun, und der Zufall hat ihn uns gestohlen. Es hättest du, ich, sie oder egal welches andere Individuum sein können, für welches die Anarchie nicht nur eine Frage von Worten oder Positur ist.
Viele unserer Kameraden sind im Kampf gestorben. Es gibt viele Ravachol, Filippi und Morales in unserer Geschichte, die, in mehr oder weniger lebhafter Erinnerung, noch immer in jedem versetzten Schlag, in jedem gegen die Macht geführten Angriff existieren. Und es sind keine Märtyrer, sie sind nicht für eine Sache gestorben, sie haben sich nicht aufgeopfert. Sie sind gestorben, während sie versuchten, einen Traum zu realisieren, sie haben sich nicht ergeben und sie wurden getötet. Das ist alles. Nichts wird sie uns zurückbringen, weder ein Lied, noch ein Gedicht, noch eine Rede, denn es gibt kein Jenseits, es gibt keine Helden, es gibt kein Anderswo, wo man sich vom Hier heilt.

Kameraden und Kameradinnen, lasst uns den Sirenen der Verehrung, des Charismas und des sozialen Wertes nicht nachgeben. Die Anarchisten dürfen nicht kanonisiert werden. Überlassen wir das dem Star-System und der religiösen Idolatrie. Auf dass jedes Individuum sein eigener Held ist, anstatt die Grösse beim anderen zu suchen. Mauricio ist keine Statuette, kein Poster und keine Ikone. Er ist eine Inspirationsquelle, ein Bruder.

Gegen den Totenkult.

Juni 2013.